Den Spaß am Nähen (wieder)finden

Spaß am Quilten und Nähen (6)

Kennt ihr auf Instagram die Hashtags “Nähen ist mein Yoga” oder “Quilten ist meine Therapie”? Klingt gut und wahrscheinlich würden wir das auch alle so unterschreiben, aber wenn uns 2020 eines gelehrt hat, dann das diese Art der Therapie nicht von alleine kommt. Im letzten Jahr kamen gehäuft Beiträge auf (auch von mir), dass man über die Veränderungen und großen und kleine Probleme des Alltags irgendwie verlernt hat, kreativ zu sein. Die Energie fehlte, die Sorgen überwogen, Home Schooling / Kinderbetreuung / Betreuung von Angehörigen haben den Alltag unbeschreiblich belastet. Und dann kam 2021… und es ist kein Ende in Sicht.

Der Kopf ist voll von belastenden Gedanken und lässt wenig Platz für Kreativität. Gleichzeitig wünschen wir uns aber auch nichts mehr, als dass wir mit unserem Hobby ein bisschen Abschalten können.

Die Leichtigkeit ist einigen von uns verloren gegangen. 

Ein Anliegen vorab: Ich schreibe hier ausschließlich von einem kreativen Näh-Tief und möchte auch nicht suggerieren, dass diese Tipps dabei helfen, all das vorher genannte besser zu bewältigen. Bitte fühlt euch nicht unter Druck gesetzt kreativ sein zu MÜSSEN. Vielleicht ist es momentan auch das Beste für euch, euren Nähkram ganz bewusst wegzuräumen und das schlechte Gewissen gleich mit dazu. Alles hat seine Zeit. Stellt euch eine Erinnerung in den Kalender, vielleicht im Sommer, und schaut, ob ihr dann bereit seid.

Wenn ihr glaubt, dass euch das kreative Outlet helfen würde, wenn ihr das Nähen vermisst, dann hoffe ich, dass euch die folgenden Tipps ein paar Denkanstöße geben können.

Wie komme ich in eine Routine?

Man liest immer wieder von Aktionen wie “10 Minutes daily” oder “The 100 day project”, alle beruhend auf einer Idee: Wenn man etwas jeden Tag tut, und wenn es nur 10 Minuten sind, wird eine Gewohnheit daraus und die kreative Energie fließt automatisch wieder.

Die Idee ist grundsätzlich eine gute, aber auch von so einem Projekt kann man zurückschrecken. Kein fester Nähplatz, kein Projekt, welches so kleine Zeiteinheiten zulässt… Es ist ganz normal sich von solchen Aktionen abgeschreckt zu fühlen.

Wird man es wirklich JEDEN Tag schaffen kreativ zu sein? Nein. Wird es immer herausragende Ergebnisse geben? Nein. Sollte man deswegen aufgeben oder gar nicht erst anfangen? Auch nein. 

Trotzdem möchte ich grundsätzlich bei diesem Gedanken ansetzen: Regelmäßig ein bisschen.

Die folgenden Abschnitte sollen dafür verschiedene Denkanstöße geben. Man muss nicht alles davon für sich umsetzen oder für notwendig finden. Vielleicht hilft Dir das Beispiel mit der heruntergebrochenen To Do-Liste, vielleicht reicht Dir schon endlich mal wieder auszuräumen. Ich hoffe, es ist für jeden etwas dabei.

Ein erster kleiner Schritt: Aufräumen

Ja genau, aufräumen. Jeder von uns hat eine andere Ordnungsschwelle. Meine ist hoch (niedrig?), es muss also Ordnung herrschen, bevor ich kreativ werden kann. Aber selbst wenn euch Unordnung nichts ausmacht, hilft es nach längerer Abstinenz den Nähplatz oder die Materialien aufzuräumen. An einem Tag nehmt ihr euch z.B. eine Kiste / Haufen von Stoffen und sortiert ihn. Am nächsten Tag schaut ihr eure Schnittmuster durch, egal ob Papier oder digital. Ein paar Tage später schaut ihr euch euren Nähplatz an: was kann weg, was stört mich, finde ich alte Projekte?

Habt ihr tatsächlich genäht und wart im landläufigen Sinne “kreativ”? Nein, aber ihr habt euch mit dem Thema beschäftigt und dabei springt vielleicht ein Funke über. Ach ja, aus diesem Stoff wollte ich doch… und diese Anleitung wollte ich doch ausprobieren, das sah bei XY so schön aus. 

Aber ich habe doch keinen festen Nähplatz!

Wäre ein eigenes Zimmer nur zum Nähen der Traum von jedem von uns? Bestimmt. Die Quilter, die im Netz besonders präsent sind betreiben häufig ein Unternehmen. Das heißt ihr Nähzimmer ist ihr Arbeitsplatz, ihr Einkommen. Die Mehrheit von uns näht aber in der Freizeit, folgt still auf Blogs oder Instagram und teilt nicht Bilder aus dem Nähalltag. Dadurch kann der Anschein aufkommen, dass “alle” die so richtig kreativ sind, dafür auch ein eigenes Reich haben.

Zwei prominente Beispiele dies zu widerlegen: Then Came June arbeitet von ihrem Esszimmertisch aus, das Stofflager ist im Schlafzimmer. Nähmaschine und Material müssen verräumt werden, wenn der Tisch anderweitig benötigt wird. Emily Dennis von Quilty Love betont immer wieder dass sie ihr Nähzimmer häufig wochenlang gar nicht benutzt und lieber am Küchentresen arbeitet.

Ein Nähplatz muss für Dich, Deine Familie, Deinen Alltag funktionieren. Da spielen natürlich verfügbarer Platz, Anzahl und Alter der Kinder im Haushalt und Budget eine Rolle. Aber eben auch der Wille ein bisschen Chaos zu ertragen, die extra Arbeit auf sich zu nehmen hin- und herräumen zu müssen. Ich habe auch über drei Jahre am Esstisch genäht. Und wisst ihr, wen der Nähkram im Wohnzimmer am meisten gestört hat: mich! Meinem Mann war es egal und meinem Sohn sowieso. Besucher kennen mich und mein Hobby in der Regel ja schon und wenn nicht, hat man direkt ein Gesprächsthema. Wenn ihr eine Tür braucht, um die Welt auch nur für ein paar Minuten aussperren zu können, findet sich vielleicht ja im Schlafzimmer eine Ecke. Ich habe auch schon Nähtische im Kinderzimmer gesehen (entsprechend „gesichert“) oder auf dem Flur. 

Sieht die Wohnungseinrichtung dann perfekt wie im Katalog aus? Nö. Auf Englisch sagt man “You have to own it.”: Stehe zu Deiner Entscheidung, baue ein Selbstbewusstsein und eine gewisse “Mir egal”- Haltung auf, wenn es Dir dafür regelmäßige Nähzeit bietet. 

Je mehr ich dazu schreibe merke ich, dass das Thema vielleicht einen eigenen Blogpost verdient 🙂 

Nähplatz, Nähmaschine, Nähecke, Quilt, Stoffe, Farbkarte

Ein Denkanstoß: Priorisierung

Womit wir einem ganz wichtigen und sensiblen Punkt angekommen sind: Priorisierung. Das ist ein sehr persönliches Thema weil jeder von uns in ganz individuellen Situationen steckt. Deswegen ist dies auch keine Verurteilung, Anprangerung oder möchte ich damit suggerieren, dass man Nähen wirklich immer priorisieren kann. Gesundheitliche Einschränkungen, fehlendes Budget, außergewöhnliche Belastungen: selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen alles andere vorgeht.

Deswegen ist dies auch nur einer von vielen Denkanstößen oder Tipps in diesem Artikel.

Wenn Du nähen willst, wenn Du den festen Entschluss gefasst hast Nähen in Deinen Alltag einzubinden, findest Du Zeit dafür. Gebe dem Nähen eine Priorisierung in deinem Leben. 

Je nach Lebenssituation sind lange Näh-Sitzungen manchmal einfach nicht möglich. Da kommen besagte 10 Minuten am Tag ins Spiel. Steffi von @quiltwerke hat auf Instagram mal erzählt, dass ihr Mann abends die Kinder bettfertig macht und sie in diesen 10-15 Minuten an ihren Nähplatz im Schlafzimmer geht. Ein wunderbares Beispiel für eine einfach umzusetzende Routine. 

Unseren persönlichen Plan habe ich bei Annette schon einmal besprochen (Zu Gast in Augensternswelt: Friederike aka Piecestopatch – Augensterns Welt – Ende des Blogposts). 

Erwartungen runterfahren, flexibel bleiben nachsichtig mit sich selbst sein 

Erwartet nicht zu viel von euch und eurer kreativen Zeit. Das Leben und unser Alltag halten ausreichend Unvorhersehbarkeiten bereit, so dass Pläne durchkreuzt werden. Das ist okay! Morgen probiert ihr es wieder. Nehmt euch gar nicht erst vor, JEDEN Tag etwas tun zu wollen. Es ist wahrscheinlich, dass ihr das sehr häufig nicht schaffen werdet. Plant zwei Mal die Woche feste Zeitfenster ein, alles darüber hinaus ist super, aber kein Muss. 

Ich habe auch Wochen, in denen mich der Alltag in Beschlag nimmt und die Energie einfach aufgebraucht ist (auch hier hat jeder einen anderen Schwellenwert). Das ist okay. Aber irgendwann zwinge ich mich etwas zu tun. Und wenn ich nur die Kiste mit dem laufenden Projekt an meinen Nähplatz räume. Beim nächsten Mal steht dann alles bereit und ich kann wieder loslegen. 

Zwingt euch (in einem gesunden Maße, siehe meine Einleitung!), dran zu bleiben und versucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es mal nicht klappt.

Projekte herunterbrechen

Nach mehreren Monaten ohne Nähmaschine kann einem die Hemmschwelle unüberwindbar vorkommen. Manchen kann es helfen, sich das Problem in kleine Teilstücke zu unterteilen. Nehmt euch anschließend einen Teilschritt pro Tag oder alle paar Tage vor. 

Ich liebe To-Do Listen. Deswegen veranschauliche ich das jetzt einmal an so einer Liste:

Sind wir doch mal ehrlich: “Nähen” findet zu 70% nicht an der Nähmaschine statt (grob geschätzt…). Muss man also die Nähmaschine immer auf einem festen Platz im Zugriff haben um regelmäßig “nähen” zu können? Nope. Man braucht auch nicht immer mehrere Stunden am Stück um voranzukommen. Kleinvieh macht auch Mist. Manche Handgriffe kann man auch “mal eben” zwischendurch erledigen: den Arbeitsplatz vorbereiten, eine Kiste bereitstellen, das Bügeleisen aufbauen. Und schon ist wieder eine Hürde genommen. 

Aber brechen wir es einmal runter.

Projektauswahl:

Suche auf Pinterest, Blogs oder Instagram am PC oder Smartphone. Das läuft für viele von uns wahrscheinlich sowieso nebenbei. Wenn ihr nach längerer Pause wieder in eine Routine kommen wollt sucht euch etwas einfaches aus, was euch auf Anhieb gefällt. Gerade ein Projekt mit vielen gleichen Blöcken eignet sich super dazu, in die folgenden kleinen Schritte zu unterteilen.

Stoffauswahl:

Wenn ihr einfach mal wieder nähen wollt, übernehmt die Farbauswahl von der Anleitung. Nehmt den Druck raus etwas Einzigartiges schaffen zu wollen und legt den Fokus auf den Prozess des Nähens und das Ergebnis. Das ist meistens der Teil, der am meisten Gehirnarbeit erfordert. In jedem Fall solltet ihr die Stoffe mit Notizen und Hinweisen versehen damit ihr auch nach ein paar Wochen noch wisst, was ihr vorhattet und einfach in den Zuschnitt einsteigen könnt.

Zuschnitt und Organisation der Stoffe:

Wenn ihr euch vorher ausreichend Notizen gemacht habt, könnt ihr hier in der Regel auch nach ein paar Wochen wieder einsteigen und es in kleinen Teilstücken abarbeiten. Schneidet euch im Besten Fall auch direkt das Binding zu.

Nähen:

Jetzt kommt die Nähmaschine zum Einsatz *wohoo*. Also an einem Tag den Nähplatz aufbauen und am nächsten Tag geht’s rund. Jeden Abend 10 Minuten, morgens 15 Minuten früher aufstehen, die Mittagspause im Home Office nutzen, während der 10 Minuten in denen die Kinder ruhig spielen…

Bügeln:

Bügelbrett abends vor dem Fernseher aufbauen und loslegen! Dann sortieren und ggf. Notizen machen. Legt euch das Binding auch dazu, dann ist es fertig. 

Nähen, bügeln, sortieren, nähen bügeln, sortieren…:

…immer weiter, jeden Tag ein paar Nähte oder ein paar gebügelte Blöcke und irgendwann ist das Top fertig.

Quilt-Sandwich machen:

Ja, dieser Schritt erfordert Vorbereitung, Platz und eine gehörige Portion Motivation. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen… 😉 

Quilten:

Muss man nicht in einer Sitzung machen, kann man sich auch wunderbar einteilen. Fahrt eure Erwartungen runter und quiltet jeden Tag drei Nähte. Ja, ein Problem gibt es dabei: die Maschine muss in der Regel entsprechend umgebaut werden (Obertransportfuß, Fäden, ggf. größerer Tisch) und es würde wertvolle Zeit kosten das ständig hin- und her zu wechseln. Also plant euch dieses Zeitfenster vorab ein: in den nächsten 2 Wochen bleibt die Maschine im Quilt-Modus und meine regelmäßige Näh-Zeit geht in dieser Zeit komplett für’s Quilten drauf. 

Binding:

Im Besten Fall habt ihr es schon zugeschnitten und gebügelt. Die Überwindung ist dann kleiner hier noch einmal von vorne anfangen zu müssen (Stoffauswahl, Zuschnitt, bügeln…). Ansonsten teilt auch auch diese Schritte wie oben beschrieben ein. Das Annähen geht meistens schneller als gedacht.

Et voilà: ein fertiger Quilt!

Ist es ein kreatives Wunderwerk, wird er die Quilt-Design-Welt revolutionieren? Wahrscheinlich nicht. Habt ihr mehr als vier Wochen gebraucht? Sehr, sehr wahrscheinlich. Aber ihr habt Nähen in eurem Alltag eine Priorität gegeben. 

Ich persönlich habe in den letzten Monaten so gelernt, dass eben diese regelmäßigen 10-30 Minuten mir unglaublich gut tun und ich so viel eher voran komme, als wenn ich auf einen “freien Tag” warte.

Aber auch (Achtung, jetzt wird’s philosophisch!): Panta Rhei – Alles fließt. Wir, unser Leben, unser Alltag unterliegt der ständigen Veränderung und dementsprechend wird es für euch auch nicht die eine Lösung geben, die jede Woche oder gar über Jahre funktioniert. Mit diesem “Leitsatz” habe ich gelernt mein schlechtes Gewissen besser im Zaum zu halten. 

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8 Antworten

  1. Ein toller Blogpost mit vielen inspirierenden Tipps, liebe Friederike! 🙂 Irgendwie muss ich an ein Buchzitat denken. Sinngemäß: Die Kunst ist es, sich voll reinzuschmeißen, aber nicht zu sehr dran festzuhalten. Kann doch irgendwie auch fürs Nähen gelten. 🙂 Schlechtes Gewissen ist jedenfalls doof. Nähen soll doch Spaß machen, und kein Zwang sein. Das Einteilen in kleine Häppchen ist eine Strategie, die auch bei mir gut funktioniert.

    Liebe Grüße
    Katharina

    1. Vielen lieben Dank, Katharina! Dieses Gefühl von Zwang kommt bei mir manchmal wenn ich zu viel Instagram konsumiere… ALLE anderen nähen immer und ständig, nur ich nicht. Also Handy weglegen und den Nähplatz aufräumen. Das hilft bei mir Wunder! Liebe GRüße,
      Friederike

  2. Ganz lieben Dank für die Motivationshilfe! Tut so gut zu lesen, dass man nicht alleine mit all den kleinen und größeren Widrigkeiten ist.
    Und die Tipps helfen, sich aus der – ist mir alles zu viel Aufwand und lohnt sich gar nicht, heute anzufangen – Spirale zu bewegen!
    Liebe Grüße
    Birgit

    1. Vielen Dank, liebe Birgit! In dieser Spirale haben wir glaube ich alle schon gesteckt. Der Weg da heraus ist nicht immer einfach… Es freut mich, wenn der Beitrag dem ein oder anderen da heraus hilft!

      1. Liebe Friederike,
        vielen Dank für die Mühe und vielen Gedanken, die Du dir gemacht hast.
        Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass mir nach einem Arbeitstag – ja ich darf noch arbeiten – oft die Energie fehlt mich in ein Projekt einzuarbeiten. Mir fehlt die Konzentration um Stoffe auszusuchen oder zuzuschneiden. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mir nähen gut tun würde. Ich bin daher dazu übergegangen mir am Wochenende, wenn ich ausgeruht bin und Tageslicht vorhanden ist, kleine Näheinheiten zusammen zu stellen. So kann ich mich Abends an die Nähmaschine setzen und einfach nähen ohne viel nachdenken zu müssen. So kann ist das Nähen für mich entspannend und ich kann ein kleines Erfolgserlebnis genießen.
        Vielleicht hilft dies jemandem.
        Liebe Grüsse Tanja

  3. Liebe Friederike,
    vielen, vielen Dank, soviel gute Ideen für alle, die gerade keinen Anfang finden.
    So kann glaube ich jede wieder erleben, dass Nähen ein tolles Hobby ist und dass es Spaß macht und so auch neue Energie für all das gibt, was eben nicht Hobby ist, sondern der andere Teil.
    Herzliche Grüße Claudia

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